Gesellschaft in Bedrängnis – Pest, Hygiene und öffentliche Verantwortung – Klaus Bergdolt

Im 20. Jahrhundert waren die großen Pestepidemien des Mittelalters, wie auch kleinere Ausbrüche in neuerer Zeit, weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Berichterstattung über Seuchenausbrüche und –kontrollversuche in der Gegenwart macht eine Beschäftigung mit der Handhabung großer Epidemien in der Vergangenheit aber wieder zu einem „virulenten“ Thema. Der Historiker Klaus Bergdolt untersucht Zusammenhänge zwischen der großen Pestepidemie von 1348 und den Hygiene- und Seuchenschutzmaßnahmen unserer Zeit. Dabei macht er die Feststellung, dass mittelalterliche Behörden in der Regel (ohne diesen Begriff bereits zu kennen) utilitaristisch handelten. Dass Hauptziel der Obrigkeit bei der Seuchenkontrolle ist das Überleben möglichst vieler Bürger, wobei auf die Infizierten, wie auch auf Minderheiten und Fremde wenig Rücksicht genommen wird. Gleichzeitig werden aber häufig auch Seuchengefahren heruntergespielt, mit dem Ziel, die Ordnung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens nicht unnötig zu stören. So ist im Falle des Ausbruches einer Epidemie neben der Isolation von Kranken auch das Beruhigen des öffentlichen Gemüts eine Staatsaufgabe (etwa durch Verbot des Läutens von Totenglocken etc.). In Venedig entwickeln sich in dieser Zeit der Begriff und die Praxis der „Quarantäne“, auch weil die Übertragung der Pest über die Besatzung von Handelsschiffen immer offenkundiger wird. Die erste auf Dauer etablierte Quarantäneinsel wird in der Lagune von Venedig dann allerdings erst 1468 etabliert. Die Pestepidemie von 1348 wirbelt sowohl die althergebrachte galenische „Miasmenlehre“, die das Einatmen fauliger Lüfte für Krankheiten verantwortlich macht, als auch die Stände- und Adelsgesellschaft durcheinander, und das auf so wesentliche Weise, dass manche Historiker das Ende des Mittelalters mit eben dieser Pestepidemie zusammenlegen. Fast überall in Europa etablieren sich danach neue Schichten und auch die Medizin erfährt eine grundlegende Hinterfragung.

Der rigorose, teils grausame Umgang der Behörden mit den Infizierten mag zunächst schockierend wirken, legt aber auch die Frage nahe, inwieweit moderne Staaten sich im Falle einer Pandemie anders verhalten würden. Auf alle Fälle lohnt auch im Hinblick auf heutige Hygienezwischenfälle der kritische Abgleich von weltanschaulichen Überzeugungen und politischen Maßnahmen mit einer Zeit und einer Gesellschaft, die den Ernstfall am eigenen Leib erfahren hat.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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